Sehr geehrte Samen und Spermien,

 

seit ich denken kann ist unsere Familie bei der Dingsbank. Das heißt, seit über 50 Jahren. Das Familien-Konto bei der Dingsbank in meiner Heimat. Das nächste eigene Konto für meinen ersten Lohn bei der Dingsbank in Dingsbumsstadt. Und immer bei der Dingsbank geblieben.

2011 ging ich zur Dingsbank hier, Irgendwoplatz, um mein Konto um € 100,-  überziehen zu dürfen. Dass man fragen muss, dass man dürfen muss – wo man doch immer alles Geld zur Bank schleppt und hin überweisen lässt, mit dem dann die Bank wieder arbeitet… alleine das ist ein seltsamer Gedanke. Damals war ich in einer Lebens-Situation die wirklich sehr schwer war: Mein Mann und ich hatten beide unseren Job gekündigt und wollten uns in unserem jeweils eigenen Beruf selbständig machen. Dann starb mein Mann. Wie das so ist im Leben: Nicht eingeplant, völlig aus dem Nichts heraus alles auf Null. Nichts war mehr möglich…in einer neuen, inzwischen für mich viel zu großen und teuren Wohnung, umringt von nicht ausgepackten Umzugs-Kisten, ohne Telefon- und Internet-Anschluss. Kein Gedanke  mehr möglich an Selbständigkeit, Arbeiten, Denken, Fühlen, Überlegen, Handeln… ich saß alleine in einer neuen, noch fremden Wohnung, in einer fremden Stadt, ohne meinen Lebens-Partner, ohne Liebe, ohne Hoffnung, ohne ein Zuhause-Gefühl, ohne Arbeit, ohne Geld, ohne Zukunft, ohne Perspektive.

Ich schleppte mich zu „meiner“ Bank, um € 100,- überziehen zu dürfen, um was zu Essen zu kaufen, das Nötigste. Nein. Insolvenz stand bevor. Keine Einnahmen – keine Chance.

Seitdem bin ich am Kämpfen. Gegen Behörden, Gläubiger, Insolvenz, Insolvenz-Verwalter, Hunger, Geldnot, Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit, Aufgeben. Ich habe von Null wieder neu angefangen. Ich habe wieder eine feste Arbeit. Ich habe wieder eine Wohnung. Ich habe, ohne in Insolvenz zu gehen, meine Gläubiger „befriedigt“, ich habe wieder Boden unter den Füßen, ich habe vor kurzem eine Stunden-Erhöhung in meinem Job bekommen und somit auch mehr Gehalt. Ich habe alles getan, um in dieser Gesellschaft wieder aufrecht gehen zu können, dazu zu gehören, nicht unterzugehen, keine Arbeitslosenhilfe und auch keine Sozialhilfe zu beziehen. Und war oft kurz davor alles hinzuschmeißen. 5 Jahre lang. Und es geht weiter.

2016: Ich gehe zur Dingsbank, Irgendwoplatz, frage um eine Möglichkeit mein Konto um € 100,- überziehen zu dürfen. Das berühmte Sommerloch hat auch mich getroffen was meine Freiberuflichkeit betrifft – allen Verdienst der letzten Jahre habe ich für meine Gläubiger verdient. Den letzten großen Gläubiger habe ich weg, jetzt brauche ich einfach nur € 100 Euro, um zu überbrücken. Nein. Wie vor 5 Jahren.

Die Welt hat sich verändert. Ich habe so viel getan. Ich habe mich verändert. Meine Situation hat sich verändert. Die Finanzregeln unserer Gesellschaft bleiben gleich: Ich habe noch einen Gläubiger (monatlich € 15,- bis in alle Ewigkeit) und ich stehe halt nun mal bei der Schufa auf der Liste. Da gibt es keine Möglichkeit für die Dingsbank. Da sperrt sich das Computer-System automatisch. Ist das so? Oder hätten Sie die Möglichkeit zu sagen: Das ist eine Kundin die schon immer bei der Dingsbank war, sie arbeitet, verdient wieder Geld, bemüht sich, hat eine Lohn-Erhöhung erhalten, hat eine feste Arbeit, geht noch nebenher freiberuflich arbeiten, was auch immer wieder Geld aufs Konto bringt – da durchbrechen wir mal alle Regeln, da versuchen wir mal was Neues… Nein?

Dann will ich kein Konto mehr bei der Dingsbank haben und auch bei keiner anderen Bank – wird überall gleich sein.

Dann will ich mein Gehalt wieder in einer echten Lohntüte abholen können.

Dann will ich nicht mehr zu unserer Gesellschaft gehören.

Dann will ich die Schufa abschaffen.

Naiv? Vielleicht, aber mal ehrlich: Wie soll man es schaffen in einer Gesellschaft wie der unsrigen wieder Fuß zu fassen, wenn man kämpft und kämpft, um wieder ein „vollwertiges Mitglied“ zu sein, nur um dann doch immer wieder gezeigt zu bekommen: Du nicht. Pech gehabt. Oder ist so eine einzelne, „kleine“, gering verdienende Person nicht wichtig fürs Banken-System? Wahrscheinlich…

Sind Ihnen wirklich die Hände gebunden gegenüber der Schufa? Oder können Sie unabhängige Entscheidungen treffen? Kann doch nicht sein, dass die Schufa „über allem steht“. Was muss mensch denn noch tun, um dazu zu gehören, nicht unterzugehen, weiter zu kommen?!

Herzlichen Dank für das Lesen meines Briefes. Wenn ich soweit bin, dass ich nicht mehr bei der Schufa verzeichnet bin, nicht mehr „schuldig“ bin – dann brauch ich keine Überziehungs-Möglichkeit mehr. Ich hätte es jetzt gebraucht.

Mit freundlichen Grüßen,

Frau von und zu Taste

Anm. der Verfasserin: Einige Worte wurden verulknudelt, um … ja, warum eigentlich?
Nach Einstellen dieses Eintrages wird der Brief an die Dingsdabank in den Briefkasten geworfen.
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16 Gedanken zu “Sehr geehrte Samen und Spermien,

  1. DAS kenne ich. Nur zu gut. Meine Dingsbank hat mich einbestellt, weil sie mir ein Darlehen und so…..Und dann ging es nicht wegen ebensolcher Vergleiche, die nicht mal bis in alle Ewigkeit laufen. Mein Einkommen hat sich verdreifacht, da bin ich für die interessant. Ich sollte doch die Vereinbarungen wegmachen. Nö. Warum auch? ich bin um die Insolvenz rumgekommen und ein Vergleich ist wie ein Vertrag.

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  2. Irgendwann vor vielen, vielen Jahren, sagte jemand über Banken und deren Geschäftspraktiken:

    Ein Bank gibt Dir den Regenschirm nur dann, wenn die Sonne wirklich scheint, und kein Wölkchen weit und breit zu sehen ist,
    sobald es zu tröpfeln oder regnen beginnt, geschweige denn in strömen schüttet,
    nimmt sie den Regenschirm,
    grad da, weil Du ihn wirklich brauchst…

    Und seither, ist es noch viel, viel krasser geworden. Das ist weder ein Trost noch hilft es einem…

    Plus die Sache mit „vollwertiges Mitglied“ dieser Gesellschaft hat sich komplett verändert… Gibt’s nicht mehr, für jene, die irgendwann aus einem Raster fielen, das sie weder für ihr Leben wollten, und aus dem sich heraus fielen, auch ohne das zu wollen. Draußen heißt draußen, fast eine Art lebenslängliches büßen. Es hat jemand gewagt, aus dem System zu fallen, es hat jemand gewagt, egal wie es dazu kam, nicht wie am Schnürchen zu funktionieren, in ALLEN Lebenslagen, und das war es. Urteil gefällt. In diesem System kann es keine Fehler geben, dieses System ist unfehlbar, weil es ein unfehlbares System ist…. und jene die offen legen, eben weil sie aus dem System fliegen, dass dieses System sowas von fehlbar ist… zahlen die Rechnung für’s sichtbar werden lassen, dessen.

    Das hat sich hier alles drastisch verändert. Wer einmal raus gefallen ist, kann sich abmühen noch und nöcher, und hat irgendwann, mit sehr, sehr viel Glück Aussicht auf eine vielleicht 2. Chance. Aber dafür muß er vorher lange büßen…, für sein Fehlverhalten, das darin besteht, dass seine Lebensumstände zu dem wurden, was Du z.B. beschreibst. Der Schuldspruch kommt promt, von Banken, Ämtern, und, und, und…

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  3. hast du eine antwort bekommen? es ist wirklich traurig, das zu lesen. und sorry, aber die schufa kann auch nicht das maß aller dinge sein. die haben teilweise auch einträge, die gar n icht mehr aktuell sind. aber man muss sich ja erstmal die einsicht erkaufen und dann kann man kämpfen dass 100 jahre alte, abgelaufene handyverträge rausgenommen werden. wie sieht es da erst mit anderen einträgen aus? ach tasti. ich wünschte wir könnten alle in so einem mehrgenerationenhaus wohnen und uns gegenseitig helfen und freude bereiten und so. kommentarschlachten live. 😉 ich würde dir jedenfalls jeden tag was zu essen kochen, ob du es brauchst oder nicht.

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    1. *hahaha* DAS ist aber ein schöner Kommi… 🙂 🙂 🙂 Mehrgeneration-Haus… ja… das wär was… und das mit dem Essen kochen… klar, nehm ich. Ich hab nämlich immer Hunger und esse lieber als dass ich koche… :DD

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        1. *haha* Sehr schön. Das war immer meine Aufgabe in meinem Leben: befreundeten Paaren, alleinerziehenden Müttern die Kinder abnehmen. Mich im Mama-Gefühl suhlen, den Mamas und Papas Zeit für sich geben und das Kind wieder abgeben können. Ich habe so mindestens 2 gefühlte Pflegekinder! 🙂

          Also: ist abgemacht. Du bloggst, ich bespiele, du kochst, wir essen.

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    2. Nein, keine Antwort bekommen. Sie haben es aber weiter geleitet an einen der für mich manchmal in Aktion tritt und mit der Dingsdabank irgendwie zu tun hat. Damit er sich kümmert weil er mich ja kennt… Feiglinge. Ich bestehe aber auf eine Antwort auf meine Frage, ob sie sich nicht der Schufa entgegen stellen könnten. Und inzwischen habe ich auch eine Auskunft der Schufa (sogar für umsonst, was aber sehr schwierig ist überhaupt raus zu kriegen wie man das für umme bekommt…) – bin froh, dass mich das nichts gekostet hat, was da drin steht wusste ich selber… RISIKO! SEHR KRITISCHES RISIKO! Juchhu! Willst Du mit einer kritischen Risiko-Frau in ein Mehr-Generationen-Haus ziehen…. ? 🙂

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